Beflügelnde Berggeschichten: Der große Trip von Cheryl Strayed

Cheryl Strayed wandert ein Teilstück von 1.000 Meilen (1.600 Kilometer) auf dem Pacific Crest Trail, einem der drei großen Fernwanderwege in den USA. Sie steckt in einer tiefen Krise und hofft, durch diese Herausforderung einen Sinn in ihrem Leben zu finden. 1995, in einer Zeit vor Internet und Social Media, bereitet sie sich nur mit einem Reiseführer auf dieses Abenteuer vor. Ihr zu Beginn viel zu schwerer Rucksack, den sie kaum tragen kann, ist nur eine der Herausforderungen auf ihrem Weg, an dessen Ende sie tatsächlich wieder im Reinen ist mit sich selbst.

Titel Der große Trip – Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst

(Im englischen Original: „Wild“, so heißt auch der zugehörige Film)

Autorin Cheryl Strayed
Genre Memoiren / Selbstfindung
Sprache Deutsch (Im Original: Englisch)
Bindung Taschenbuch
Umfang 445 Seiten
Preis 9,99 €
Erschienen München, Mai 2014, 2. Auflage
Verlag Wilhelm Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-15812-6

Gesamteindruck

Der große Trip sind die Memoiren von Cheryl Strayed über eine Phase ihres Lebens, in der sie in einer tiefen Krise steckt, und durch eine Wanderung auf dem PCT zu sich selbst finden will. Der Schwerpunkt des Buches ist die Selbstfindung, nicht die Wanderung, dessen sollte man sich vor dem Lesen bewusst sein. Man erfährt jedoch auch sehr viel über den Trail und dessen Herausforderungen. Die Autorin hat einen guten Schreibstil, das Buch liest sich angenehm und flüssig. Zu Cheryl Strayed selbst hatte ich durch das ganze Buch hindurch ein sehr ambivalentes Verhältnis. Sie hat einige zweifelhafte Entscheidungen getroffen, die ich anhand ihrer Biografie zumindest in Teilen nachvollziehen kann, die sie aber nicht unbedingt sympathisch machen.

Handlung

Die 26-jährige Cheryl Strayed (ein Name, den sie sich bei ihrer Scheidung selbst gegeben hat) befindet sich nach dem Verlust ihrer Mutter, der zentralen Figur ihres frühen Lebens, in einer tiefen Lebenskrise. Sie berichtet zu Beginn des Buches und in wiederholten Rückblenden über ihre Kindheit und ihr junges Erwachsenenleben, den gewalttätigen Vater, viele Umzüge, ein Zuhause außerhalb der Zivilisation. Der schnelle und frühe Krebstod ihrer Mutter wirft sie völlig aus der Bahn, ihre Familie zerfällt, sie nimmt Drogen, ihre – eigentlich gute – Ehe ruiniert sie durch Fremdgehen selbst. Da fällt ihr eines Tages zufällig ein Wanderführer für den Pacific Crest Trail in die Hand und sie fasst für sich den Entschluss, 100 Tage auf dem PCT zu wandern, um wieder zu sich selbst zu finden.

Ihre Reise unternimmt sie 1995, in einer Zeit vor Internet und Social Media. Vor allem der Reiseführer hilft ihr bei der Vorbereitung. Sie lässt sich in einem Fachgeschäft zur Ausrüstung beraten, schickt sich selbst Versorgungspakete, bereitet sich aber ansonsten nicht vor. Ihren Rucksack packt sie am Abend vor dem Wanderstart das erste Mal, und kann das „Monster“, wie sie ihn selbst nennt, dann auch fast nicht hochheben. Nichtsdestotrotz macht sie sich mit ihrem viel zu schweren Gepäck und sehr sehr knappem Budget auf den Weg.

So wie sie gestartet ist, kann Cheryl Strayed den Trail eigentlich gar nicht schaffen. Sie ist immer wieder völlig überfordert (nicht nur aber oft wegen des Gepäcks) und hat mit vielen Herausforderungen zu kämpfen. Unter anderem liegt 1995 ungewöhnlich viel Schnee, so dass die höheren Regionen des PCT nicht begehbar sind. An den trockenen Abschnitten fehlt das Wasser. Und wegen ihres extrem knappen Budgets kann sie auch keine Erholungspausen einlegen. Cheryl Strayed hat jedoch das große Glück, immer wieder auf Menschen zu treffen, die ihr helfen. Seien es Mitwanderer, die ihr mit Erfahrung weiterhelfen, oder auch Trail Angels, die die Wanderer immer wieder auf unterschiedliche Weise unterstützen. Eine hübsche junge allein reisende Frau scheint Beschützerinstinkte zu wecken.

Cheryl Strayed kommt (bei ihrem selbstgesteckten Ziel) an – auch wenn sie deutlich mehr Teile umfahren hat, als sie ursprünglich geplant hat. Und sie kommt auch bei sich selbst an, ist mit sich selbst wieder im Reinen.

Spannung und Emotionen

Emotionen sind ein ganz großes Thema dieses Buches. Cheryl Strayed macht die Wanderung auf dem PCT ja eigentlich nur, um ihre eigenen Gefühle in den Griff zu bekommen. Um dem Leser ihre Entwicklung auf dem Trail verständlich zu machen schildert sie auch in Rückblenden ihr bisheriges oft schwieriges Leben vor dem Trail. Cheryl Strayed offenbart im Buch also sehr viel über sich, dennoch bleibt es schwierig, sich komplett in sie hineinzuversetzen. Dass sie schlechte Entscheidungen trifft ist dabei gar nicht das Problem, sondern dass sie auch im Rückblick die Entscheidungen nicht kritisch hinterfragt. Sie hat eine egozentrische Sicht auf das Leben, Dinge „geschehen“ ihr, ihre eigene Verantwortung bleibt oft außen vor. Auch ihre Selbstfindung hilft ihr dabei nicht weiter. Dennoch ist sie als Person mit all ihren Widersprüchen interessant, und ich konnte zum großen Teil mit ihr mitfühlen.

Und spannend ist das Buch aus meiner Sicht auch. Immer wieder hofft und bangt man als Leser mit Cheryl. Auch wenn mehr als eine schwierige Situation vermeidbar gewesen wäre, so ist ihre Erzählung fesselnd und die Auflösung einer solchen Situation wird mit Spannung erwartet.

Kritik

Für dieses Buch mache ich eine neue Kategorie „Kritik“ auf. Denn dieses Buch hat sehr viel größere Debatten entfacht, als es Wander- und/oder Selbstfindungsbericht normalerweise tun. Das Buch und der Film wurden von Kritikern/Journalisten sehr gelobt, von den Leserinnen und Lesern gibt es in den Sozialen Medien oder bei Amazon ein durchmischtes Feedback.

Neben der Kritik an der Person Cheryl Strayed und ihrem Verhalten gibt es vor allem zwei Punkte, die immer wieder aufkommen:

  • Durch Cheryl Strayeds Buch sollen mehr Wanderer ohne ausreichende Ausrüstung und Vorbereitung auf dem Weg unterwegs sein (denn bei ihr hat es ja auch geklappt …). Diese geraten dann in schwierige Situationen und müssen gerettet werden. Ob dem wirklich so ist lässt schwer überprüfen, denn auch viele andere Faktoren habe zur zunehmenden Beliebtheit des Trails geführt.
  • Cheryl Strayed wird vorgeworfen, den Trail gar nicht so erlebt zu haben, wie sie ihn schildert. Auch Kritiker sind sich einig, dass sie zumindest einen Teil des Trails gegangen ist, aber mutmaßlich deutlich weniger, als sie schreibt. Neben externen Indikatoren (es gibt fast keine Fotos trotz Fotoausrüstung, ihr Name steht nur in wenigen Logbüchern entlang des Wegs …) geht es vor allem darum, dass nicht immer nachvollziehbar ist, was ihr wo und wie passiert ist.

Es gibt sogar eine Internetseite dazu, mit dem schönen Titel „I hate Cheryl Strayed“ und er URL „Cheryl Strayed is a liar“. Dieser Blog ist sehr polemisch, aber trotzdem werden viele Kritikpunkte nachvollziehbar aufgeführt.

Cheryl Strayed hat das Buch 17 Jahre nach ihrer Wanderung geschrieben, basierend auf ihren Tagebuchnotizen. Manch eine Erinnerung mag daher auch nicht mehr ganz präsent oder verfälscht sein, und viele Autor*innen nehmen sich die Freiheit, eine Geschichte etwas spannender zu machen. Wieviel Wahrheit und wieviel Dichtung im Buch steckt lässt sich als Außenstehender jedenfalls schwer beurteilen.

Die Kritik, dass zu viele unvorbereitete Wanderer auf dem PCT unterwegs sind, würde ich nicht Cheryl Strayed anlasten. Es gibt heute so viele Möglichkeiten, sich zu informieren, dass hier jeder selbst in der Verantwortung ist.

Fazit

Der große Trip liest sich interessant und unterhaltsam. Wenn man sich darauf einstellt, dass es eher Memoiren/Selbstfindung ist als ein Wanderbericht, dann werden die Erwartungen erfüllt. Auch wenn mir Cheryl Strayed nicht unbedingt sympathisch ist, so fand ich es spannend, ihre Entwicklung und ihre Erlebnisse nachzuverfolgen. Und auch wenn nicht alles akkurat passen sollte, so gibt ihr Buch dennoch einen sehr guten Einblick in die Herausforderungen des Pacific Crest Trails.

Mehr

Eine Übersicht über Cheryl Strayeds Bücher, ihre Auftritte und Social-Media-Aktivitäten gibt es auf ihrer Website http://www.cherylstrayed.com .


Mehr Input zum Thema Frauen in den Bergen erhaltet ihr auf unserer OutdoorFrauenPower Seite.

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