Außergewöhnliche Gipfelstürmerinnen: Jeanne Immink

Gipfelstürmerin Jeanne Immink


Ich fordere die Herren Alpinisten auf, meinen Schritten zu folgen.

Eine Historie über das Frauenbergsteigen kann eigentlich nur mit Jeanne Immink beginnen. Denn Jeanne Immink ist die erste Bergsteigerin, die auch kletternd in den Bergen unterwegs ist, und wie es bei Wikipedia so schön heißt, damit „die Begründerin des modernen Frauenbergsteigens“. Sie war die erste Frau, die das Sportklettern in den Bergen als ihren Lebensinhalt definierte. Aber obwohl zwei Berggipfel nach ihre benannt sind, wusste man bis vor 10 Jahren sehr wenig über sie als Person. Dank Harry Muré, einem holländischen Sportjournalisten, der jahrelang akribische Recherchen zu seiner Landsfrau betrieb, können wir Euch heute von Jeanne erzählen. (Das Nichtvorhandensein von Frauen in der frühen Alpingeschichte ist ein Kapitel, über das wir euch ein andermal berichten.)

Jeanne kommt im Oktober 1853 in Amsterdam als Jeanne Diest zur Welt, als älteste von vier Töchtern. Nach dem frühen Tod des Vaters ist die finanzielle Situation der Familie angespannt. Mit kaum 21 heiratet sie Jan-Karel Immink und wandert mit ihm nach Südafrika aus. Inmitten der unruhigen Zeiten bekommt sie ihren ersten Sohn Willem. Ihre Ehe ist am Ende, und Jeanne beginnt eine Affäre mit dem britischen Offizier Henry Percy Douglas-Willan. Henry wird kurze Zeit später nach Indien versetzt, und Jeanne begleitet ihn. Ihren Sohn Willem bringt sie bei einer befreundeten Arztfamilie unter. Jeanne genießt die Zeit dort im Luxus und begleitet Henry auf Exkursionen. 1882 wird Jeanne wieder schwanger. Affären werden von der britischen Armee akzeptiert, Kinder im Umfeld aber nicht. Daher beschließt Jeanne, in die Schweiz zu ziehen, und Henry sichert ihre die finanzielle Unterstützung zu, um sich und das Kind zu versorgen.

In der Schweiz besteigt Jeanne die Rochers de Naye als ihren ersten Gipfel, und baute in der folge ihre Bergaktivitäten weiter aus. Jeanne hat keinen Wohnsitz, um nicht steuerpflichtig zu werden, und zieht daher spätestens alle sechs Monate weiter. In Österreich trifft sie 1889 den Bergführer Michele Bettega, und besteigt mit ihm den Ortler auf einer neuen Route. Dann macht sie sich auf in die Dolomiten und besteigt dort mit dem Bergführer Antonio Dimai den Antelao in Rekordzeit. Danach beginnt sie einen Gipfel nach dem anderen zu sammeln. Hier beginnt sie auch sich dem Wettbewerb zu verschreiben. Jeanne will auf den Torre Grande, und zwar zum schwierigsten Gipfel Punta Sinistra, den sie gemeinsam mit Antonio Dimai 1890 in der zweiten Besteigung überhaupt erreicht.

Ihr Sohn Louis bzw. Luigi wird im Internat erzogen, ist aber auch immer mal wieder bei seiner Mutter und besteigt auch bald mit ihr Berge. Der Kontakt mit Henry beschränkt sich auf die Regelung der finanziellen Angelegenheiten. Mit ihrer Familie in Holland hat Jeanne gebrochen, zu sehr sprengt ihr Verhalten die Konventionen.

In der Pala-Gruppe erreicht Jeanne mehrere Frauen-Erstbegehungen. Im August 1891 erklettern sich Toni (wie Jeanne Antonie Dimai nennt) und Jeanne dem Cusiglio erstmalig über die schwierige Nordwand. Damit wird eine neuer Schritt beim Bergsteigen gemacht: nicht der Gipfel sondern der Weg ist das Ziel. Klettern wird damit zum Sport. Es ist eine Tour im IV., damals höchsten Schwierigkeitsgrad, den Jeanne regelmäßig klettert.

Porträtzeichnung von Jeanne Immink
Zeichnung von Jeanne Immink aus den 1890er Jahren, Quelle: Fotoarchiv Österreichischer Alpenverein

Wenige Tage danach kommt Jeanne zu ihrem eigenen Berg. Viel Auswahl gibt es nicht mehr, aber südlich an der Pala di San Martino gibt es noch einen richtigen unbenannten Berg. Toni und Eugen Zander besteigen im August 1891 gemeinsam mit Jeanne diesen Berg erstmalig und taufen ihn „Imminkspitze“ bzw. Cima Immink. Die Cima Immink ist auch heute im Massentourismus eine wenig besuchte Spitze.

Kurze Zeit später versuchen Jeanne und Toni mit Eugen Zander und dessen Führer an der Grohmannspitze auf neuem Weg. Jeanne stürzt in einem „Menschenfalle“ genannten Stück, kann aber von den beiden Führern am Seil gehalten werden. Da der Weg insgesamt schwieriger als erwartet und vereist ist, müssen Jeanne und ihre Gefährten ein Notbiwak auf engstem Raum durchführen. Sie sind froh, es am Ende alle heil wieder runter geschafft zu haben. Die Fünffingerspitze begehen sie kurz darauf als Zweitbesteiger, und erreichen den Gipfel nur eine Viertelstunde vor einem englischen Bergsteiger nebst Führer, die auf einer anderen Route hochgestiegen sind.

Jeanne nutzt ab diesem Herbst auch einen Klettergurt, den sie nach einer Idee von Toni bei einem Sattler hat anfertigen lassen. Sie wird oft als Erfinderin des Klettergurtes gepriesen, aber obwohl dieser viele Vorteile hat gegen das übliche einfache Umbinden des Seils setzt er sich bei ihren Zeitgenossen nicht durch.

Neue Herausforderungen sucht Jeanne im Winterbergsteigen. Im Dezember 1891 macht sie sich mit Toni und dessen Neffen Pietro auf den Weg auf die Croda da Lago. Die Begehung wird von Cortina aus gespannt durch Fernrohre verfolgt. Jeanne verfasst später einen detaillierten Bericht über die anspruchsvolle Tour, die sich in der Presse weit verbreitet.

1893 beginnt für Jeanne ein neues Abenteuer. Theodor Wundt, Bergschriftsteller und Fotograf, bittet Jeanne ihn bei seinem Projekt einer fotografischen Expedition in die Dolomiten zu unterstützen. Das Fotografieren in den Bergen war damals eine komplexe Operation, da die Kameras und notwendigen Glasplatten großes und schweres Gepäck waren. Bei dieser Tour entstand auch unser Titelbild, das erste Foto einer kletternden Frau, an der Südwestwand der Kleinen Zinne.

Jeanne Immink klettert an der Kleinen Zinne 1893, fotografiert von Theodor Wundt

Auf den Fotos hält Theodor Wundt auch Jeannes ungewöhnliche Kleidung fest. Entgegen aller gesellschaftlichen Konventionen klettert sie in Hosen – ein Rock ist einfach ungeeignet. Außerdem trägt sie zum Schutz vor Steinschlag eine lederne Reitkappe, die sich sehr bewährt, auch wenn ihre Zeitgenossen darüber spotten. Außerdem trägt sie zum Klettern dünne Handschuhe, während die Männer lieber ihre Fingerkuppen aufschürfen.

In diesem Sommer führt Jeanne noch zwei Erstbegehungen durch, mit Sepp Innerkofler und Pietro Dimai sowie Reinhold Edler von Lichtenberg besteigt sie als erste den Rocchetta Alta. Am folgenden Tag steigt sie über eine Route mit großen Schwierigkeiten auf den danebenliegenden Berg und tauft ihn Campanile di Innerkofler. Nach einer komplizierten Namensgeschichte heißt der Berg heute Sasso di Toanella. Sie bauen eine Steinpyramide, übliche Kennzeichnung für die Erstbesteigung, und hier hinterlässt Jeanne ihre berühmt gewordenen Zeilen: „Ich fordere die Herren Alpinisten auf, meinen Schritten zu folgen.“ Erst 17 Jahre später wird der Gipfel das nächste Mal besucht.  

Jeanne Immink klettert in den Dolomiten
Jeanne Immink klettert in den Dolomiten, fotografiert von Theodor Wundt

Jeanne Immink ist neben eigenen Erstbegehungen oftmals die erste Frau auf schwierigen Touren. Sie klettert kontinuierlich im damals höchsten Schwierigkeitsgrad. Alpinisten und Kletterer bringen ihr in der Regel Anerkennung entgegen, es gibt aber auch einige Männer, die ihre Leistung herabwürdigen.

1894 begleitet sie Theodor Wundt auf seiner Hochzeitsreise mit Maud Walters. Sie hat noch wenig alpine Erfahrung, und Theodor Wundt bittet daher um Jeannes Unterstützung. Sie machen sich nach der Akklimatisierung an die Überschreitung des Matterhorns, doch die Gruppe wird an der Spitze von einem Gewitter getroffen, Blitze schlagen rund um sie herum ein. Gerade so schaffen es alle, der Gefahr zu entkommen, und beenden die Traversierung erfolgreich.

In den nächsten Jahren beginnen bei Jeanne körperliche Beschwerden, und sie geht immer weniger Touren. Auch aus ihren Alpenvereinen tritt sie aus, sie kann das Niveau nicht mehr halten. Ein Nebenturm der Cima Immink erhält von anderen Bergkletterern in Bewunderung für Jeanne den Namen Campanile Giovanna (die italienische Form von Jeanne).

Jeanne selber kommt zur Ruhe. Anlässlich der Eheschließung ihres Sohnes Willem, den sie als Kleinkind weggegeben hat, kommt sie mit ihm in Kontakt. Eng bleibt aber nur die Beziehung zu ihrem zweiten Sohn Luigi. 1929 stirbt sie in aller Stille in Mailand.

Fakten

Lebenszeit: Geboren am 10. Oktober 1853 in Amsterdam; Gestorben am 20. August 1929 in Mailand

Wo aktiv: Walliser Alpen, Dolomiten

Besondere Leistungen: Mehrere Erst- und Winter-Erstbegehungen; Kletterte im IV. und damals höchsten Schwierigkeitsgrad

Besonderheiten: 2 Berggipfel sind nach ihr benannt – die Cima Immink und die Campanile Giovanna (italienische Form von Jeanne)

Mode: Jeanne schert sich nicht um Konventionen und klettert in Hosen (unerhört damals). Sie nutzt leichte Spezialschuhe zum Klettern, die sogenannten „pedule“. Gegen Steinschlag setzt sie eine lederne Reitkappe auf, die sich sehr bewährt, aber von ihren Zeitgenossen belächelt wird.

Buchempfehlung

Jeanne Immink – Die Frau, die in die Wolken stieg. Das ungewöhnliche Leben einer großen Bergsteigerin; Harry Muré, Tyrolia-Verlag, Innsbruck/Wien 2010


Mehr Inspiration zu unserem Thema Frauen in den Bergen findest du auf unserer OutdoorFrauenPower Seite.Bild

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